Montag, 9. September 2013

Aumühle bei Hamburg. Bildhauerei. Kolonialzeitdenkmal.



Abseits der Alten Schulstraße, am Mühlenteich und etwas versteckt, steht in Aumühle am Rande des Sachsenwaldes ein Denkmal mit einer Dreipersonengruppe. Im Vorbeifahren sieht man es nicht. Es ist dem Vernehmen nach das "Deutsch-Ostafrika-Gedächtnismal" des Bildhauers Walter von Ruckteschell (laut Wikipedia-Lexikon lebte er von 1882 bis 1941).

Wir sehen in der Mitte, offenkundig als Hauptperson gemeint, einen europäisch anmutenden Mann mit Tropenhelm auf dem Kopf, der ein Gewehr in der linken Hand hält, als sei er auf Jagd oder im Gefecht. Er trägt kurze, kniefreie Hosen und einen lässig-offenen Hemdkragen. Seine Waden scheinen umwickelt. Am Gürtel trägt er Patronentaschen und einen Dolch mit Portepee, was ihn als Offizier oder Unteroffizier, jedenfalls als Soldaten ausweist. Beide Arme hält er angewinkelt, das rechte, etwas vorgestellte Bein ebenfalls, das linke Bein hingegen verkrampft zu einer Geraden durchgedrückt. Der Oberkörper knickt im stumpfen Winkel von der Senkrechten nach rechts ab. Seine rechte Hand hat er zum vorderen Helmrand geführt, als wolle er zur besseren Beobachtung das Gesicht gegen die Sonne abschirmen, zusätzlich zum Sonnenschutz, den der weit vorkragende Helmrand ohnehin schon bietet. Seine Haltung wirkt insgesamt unnatürlich, bemüht und linkisch.

Rechts hinter ihm, also nicht gleichrangig, steht ein afrikanisch anmutender Soldat in ganz anders ausgeführter Uniform, mit zylindrischer Kopfbedeckung und daran befestigtem Nackentuch. Auch er hält ein Gewehr in seiner Linken, mit der rechten, militärisch ausgestreckten Hand scheint er den Europäer auf irgendetwas in der Ferne voraus hinzuweisen. Ein Problem, das er nur mit der Hilfe des anderen lösen kann? Eine Jagdbeute? Feindliche Formationen? Am Gürtel trägt er zwei Patronentaschen; seine Jacke ist hochgeschlossen. Sein rechtes Bein hat er, wie sein Nachbar, vorgesetzt, allerdings viel deutlicher. Er trägt knielange Hosenbeine im Knickerbocker-Stil, dazu Kniestrümpfe oder Schaftstiefel. Die Durcharbeitung der Skulptur ist zu gering, um dieses entscheiden zu können.

Beide Gewehrträger sind an einen kniehohen Baumstumpf gelehnt, dessen Rindenstruktur aufwendig herausgearbeitet ist.

Links hinter dem Tropenhelmträger sitzt ein weiterer afrikanisch anmutender Mann, seinen linken Unterarm auf ein zylindrisches Gebilde gestützt. Ein aufgerollter Teppich? Ein gewickelter Tuchballen? Auf dem Kopf trägt dieser Mann einen Turban, ein gewickeltes Tuch. Er hat die Knie hochgezogen, und auf sein rechtes Knie hat er seine rechte Hand gelegt, Daumen und Zeigefinger weisen bei beiden Händen nach unten. Dieser Mann ist halbnackt, er trägt vom Hals abwärts nur einen knielangen Tuchrock. Den rechten Fuß hat er flach auf dem Boden aufgesetzt, den linken mit der Sohle gegen den rechten Fuß gestellt. Seinen Kopf hat er nach links gewendet. Er nimmt am Geschehen zu seiner Rechten keinen Anteil, wirkt passiv und desinteressiert, fast ein wenig niedergeschlagen. Erschöpft vielleicht? Hat er die Rolle zu seiner Linken lange getragen und ruht sich jetzt aus? Hat er den Tropenhelmträger und den afrikanischen Soldaten an die Stelle begleitet, von der aus jetzt in die Weite geschaut wird?

Wozu brauchen die beiden Uniformierten ihn, mit seiner Rolle, dort, wo sie jetzt stehen? Oder ist er nur allegorisches Beiwerk, das irgendwie verdeutlichen soll, worum es den beiden Gewehrträgern überhaupt geht? Um Tuchballen? Um Handelsware? "Kolonial-Waaren", wie man damals sagte?

Alles unklar.

Geschichtliche und politische Aspekte der Kolonialzeit sollen an dieser Stelle nicht besprochen werden. Es gilt hier lediglich aufzuzeigen, wie die offenbar verfolgte Absicht des Bildhauers, eine Aussage, eine Botschaft zum Thema zu vermitteln, künstlerisch restlos verfehlt wurde. Die Gruppe mag unter Gesichtspunkten eines abseitigen persönlichen Geschmacks dekorativ sein - irgendwas mit Kolonialzeit, bitte, oder auch drei Meter Bücher mit hübschem Rückeneinband -, mich hingegen hat sie rätselnd zurückgelassen. (2013).