Freitag, 17. Februar 2012

Ein lieber nicht veröffentlichtes Interview.

Ende Mai 2011 trat ein hier nicht näher zu benennendes Truppenmagazin der Bundeswehr an mich heran und bat mich um ein Interview:

"(...) als Redakteurin beim ...-Magazin (...) arbeite ich an einem Artikel, der sich mit der Bundeswehr als Anstoß für Karikaturen befasst. Wichtig sind für mich dabei jedoch nicht nur die Karikaturen, sondern vor allem die Menschen, die hinter den Bildern stehen."

Ich erklärte mich bereit, schriftlich auf die Fragen zu antworten. Die gestellten Fragen und meine Antworten finden Sie weiter unten in diesem Beitrag. Genau diesen nachstehend ungekürzt zitierten Frage-Antwort-Text reichte ich Mitte Juni 2011 bei der anfragenden Redaktion ein. Anfang August 2011 erhielt ich das Belegexemplar der Ausgabe, in der das Interview erscheinen sollte.

Im Heft wurden mehrere Karikaturen von vier Karikaturisten, darunter die weiter unten zwei gezeigten von meiner Hand, veröffentlicht, sowie jeweils ein Kurzzitat aus den Interviews mit den genannten vier Karikaturisten. Am Ende des kurzen Artikels erfolgte ein Verweis auf eine Internetseite, auf der die Langfassungen der Interviews zu lesen seien. Auf dieser Seite wurden im Vorspann vier Karikaturkünstler angekündigt, die sich hinter die Kulissen schauen lassen. Tatsächlich gebracht aber wurden anschließend nur drei Interviews. Das vierte lesen Sie hier:

Beginn Text Interview.

Götz Wiedenroth
Meine Antworten sind in alter Rechtschreibung abgefaßt, auf die ich beim Abdruck Wert lege. Danke.

Basisstatements
Karikatur:                     Zeichen verbaler Hilflosigkeit?

Die Karikatur bedient sich der bildlichen Darstellung, ebenso wie beispielsweise die Medien Foto, Szenentheater oder Bildhauerei. Daraus abzuleiten, der Karikaturist nutze die Bildbotschaft wegen besonderer Defizite bei der Wortfindung, ist ganz abwegig. Wer auf dem weißen Blatt inszeniert, muß nicht nur beim Denken in Bildern gewandt sein, sondern auch in der knackigen Betextung.

Meinungsbildung vs. Persönlichkeitsrecht

Wer besondere Persönlichkeitsrechte in Anspruch nimmt, regelmäßig als Doktor Allwissend im Fernsehen auftritt und von tausenderlei Plakaten und Bildschirmen in die Wohnstuben lächelt, muß damit rechnen, daß seine Persönlichkeit zur Zielscheibe eines Spottes wird, der die Persönlichkeitsausdehnung wieder auf Normalmaß zurechtstutzt. Insbesondere dann, wenn solch ein Strahlemann seine Machtbefugnisse nutzt, um tief in die Persönlichkeitssphäre und die Portemonnaies der Obrigkeitsunterworfenen einzugreifen. Dazu haben die Bürger immer eine Meinung und der Karikaturist auch. Meistens ist es ohnmächtige Wut, und wenn die Sache mit einer Karikatur ihr Bewenden hat, ist der Persönlichkeitsrechteinhaber absolut günstig bedient.

Karikaturist:               Beruf oder Berufung?

Wer spürt, daß er einen künstlerischen Impuls in sich hat, sollte nicht versuchen, ihn zu unterdrücken. Weil es in den meisten Fällen nicht gelingt. Berufung ist, was mich betrifft, daher wohl die zutreffendere Benennung.

Gewissenloser Idealist?

Den Hofnarren hat nie ein Fürst nach seinem Gewissen gefragt. Er schätzte ihn für seine freie Schnauze. Satiriker sind die letzten verbliebenen Zeitgenossen in dieser Gesellschaft, die ihre Gedanken fast völlig frei öffentlich äußern können. Ein Relikt, eine verbliebene kleine Insel der Meinungsfreiheit in einem Meer von Prozeßhanselei, Denk- und Sprachvorschriften, politischer Korrektheit und ideologischer Engstirnigkeit. Anders gewendet: Karikaturisten gehören zu den letzten im Land, die die Stimme ihres Gewissens laut ertönen lassen dürfen und aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen müssen.

Bundeswehr:             Provokation oder Spott?

Jeder Soldat ist Idealist, wenn er für ein als erstrebenswert erkanntes Ziel kämpft und arbeitet. Friedensbringer für Afghanistan zu sein, ist ein hohes Ideal. Provokativ frage ich in meinen Bildern, ob diese Grundeinstellung politisch mißbraucht wird. Der Soldat einerseits muß wegen seiner Gehorsamspflicht von der Wahrhaftigkeit der Lagedarstellung durch seinen Dienstherrn ausgehen, etwa bei der offziellen 9-11-Legende. Der zivile Karikaturist andererseits darf und muß zweifeln. Bei vermutetem politischem Mißbrauch zögere ich nicht, karikierend zu spotten. Der Spott richtet sich gegen die verantwortliche Politik, nicht gegen die ausführenden Bundeswehrsoldaten.

Individualfragen
Sie haben eine kaufmännische Ausbildung bei einem renommierten deutschen Autohersteller erfolgreich abgeschlossen und anschließend das Studium der Wirtschaftswissenschaften/ Betriebswirtschaftslehre. Bei dieser Bildung waren die Aussichten auf eine sichere berufliche Zukunft sehr gut. Wieso haben Sie als junger Mensch nicht nach den Chancen und Möglichkeiten gegriffen, die Sie sich durch Ihre Leistung (Ausbildung und Studium) selbst geschaffen haben, sondern sind als Karikaturist einen gänzlich anderen Weg gegangen?

Es sind die Ereignisse und Begegnungen, die den jungen Menschen prägen. Während der Studienzeit habe ich mich parallel zu Vorlesung und Scheinerwerb als Organisator von Seminar- und Kongreßveranstaltungen im Zeichen von Wirtschaft und Kultur betätigt. Wir arbeiteten an der Konzeption eines Neuen Wirtschaftsstudiums. In jener Zeit hatte ich das Glück, Menschen zu begegnen, die anders denken. Menschen, die selbstverschuldete Unmündigkeit, Verschulung und Domestizierung im Geiste hinter sich gelassen hatten. Das fügte sich zu meiner schon vorhandenen sensiblen, kritischen Grundhaltung. In vielen Gesprächen und durch aufmerksames Nachdenken habe ich verstanden, daß große Eigentumshäuser mit Wetterfahnen auf dem Dach und große Autos mit Schnapszahlkennzeichen in der Garage nicht wichtig sind. Meine Kunst ist das Wichtigste. Die entscheidende Qualifikation der Studienzeit bestand in dieser Erkenntnis. Das amtlich diplomierte Fachwissen stand bei der Schöpfung von Karikaturen übrigens nie im Weg.

In der Politik gibt es täglich massenhaft Ereignisse, die Stoff für eine Karikatur bieten. Nach welchen Kriterien suchen Sie das eine spezielle Thema aus, das Sie in einer Karikatur kritisch betrachten? Ist es Ihr persönlicher Unmut über die abgebildete Situation oder gar Entscheidung oder ist es das Gefühl, die Bevölkerung würde ohne Ihre Karikatur das Ausmaß und die Bedeutung der Situation nicht erkennen?

Nichts davon. Es ist mehr eine Art Selbsttherapie. Wir leben in einem Disneyland-Themenpark „Demokratie“. Überall glitzernde Fassaden, spitze Kugeltürmchen, gesichtsgelähmt lächelnde „Wir-haben-das-beste-System-das-es-in-Deutschland-je-gab“-Mickymäuse, alles zuckersüß und niedlich. Bei näherem Hinsehen aber ist alles falsch, vorgetäuscht, hohl, bitter, und das scheinbare Edelholz erweist sich als billiges Plastik. Der Wähler hat in Wahrheit nichts zu melden, kann auf rein gar nichts Einfluß nehmen und sich nicht einmal sicher sein, daß die Wahlen seit 1949 alle korrekt ausgezählt worden sind. Er kann es nur glauben – oder eben auch nicht. Demokratie ist damit mehr Religion denn reales Entscheidungsprinzip. Und: Der Wähler kann wählen, wen er will, der Kurs bleibt irgendwie immer derselbe, ganz gleich, wie der Wahlsieger heißt: Stuttgart 21 wird doch gebaut, Wahlsieger Kretschmann hin oder her, Steuern steigen immer oder werden neu erfunden und wie üblich mit Gefängnisandrohung abgeschöpft, aber nie gesenkt oder abgeschafft, gewisse steuerfinanzierte Eliten erhalten immer mehr Privilegien und immer höhere Dotationen, immer neue Angst-Kampagnen werden gestartet, zu sowjetischen Mittelstreckenraketen, Ozonloch, Schweinegrippe oder Klimaschuld, immer gestützt auf „wissenschaftliche“ Informationen, die der Steuerbürger nicht überprüfen kann (aber glauben und bezahlen soll), ständig neue Umweltgefährdungspostulate, die ständig neue Abgabepflichten oder Zwangskonsum begründen, gleichzeitig ständige Verschlechterung der staatlichen Gegenleistungen für die Steuern und Pflichtbeiträge des Bürgers, und – ach ja - immer neue Kriegsschauplätze, selbst dann, jawohl, wenn man die ach so pazifistischen Grünen wählt, Kriegsschauplätze, auf denen Bundeswehrsoldaten mit immer fadenscheinigeren staatlichen Rechtfertigungen ihr Leben riskieren und verlieren. Jeder hat seine Methode, mit diesem Ärger, dieser politischen Trostlosigkeit und all ihren verlogenen Begründungen fertigzuwerden. Ich zeichne Karikaturen.

Mit Ihren Karikaturen kritisieren Sie – wie auch viele Ihrer Kollegen – das Verhalten und die Entscheidungen unserer Politiker, das heißt der Volksvertreter, die wir gewählt haben und die folglich in unserem Sinne, dem Sinne der Wähler, handeln. Entsprechend kritisieren Sie ein stückweit die Mehrheit der deutsche Bevölkerung, die von ihrem Wahlrecht gebrauch gemacht hat. Sind Sie damit als Karikaturist der Vertreter der Opposition - die letztlich mit jeder Wahl „die Seite“ wechseln kann -, der mit dem Wahlergebnis nicht zufrieden ist? Oder gefällt Ihnen nicht, wie der Wille des Volkes umgesetzt wird? Wonach beurteilen Sie, ob dies in falscher oder richtiger Art geschieht?

Handelt demnach ein Politiker in unserem Sinne schon allein deshalb, weil er Amt oder Mandat errungen hat? Kühne Konstruktion! Und sagten Sie „wir“? Ich für meinen Teil (und wohl auch die seit langem stärkste Partei der Nicht- oder Nichtmehrwähler) halte keinen einzigen der Volksvertreter für vertrauenswürdig, weil ich ihr Dienstethos schon lange nicht mehr für glaubwürdig halte. Ihre Frage nach dem „wie“ der Willensumsetzung geht daher fehl. Der Wille des Volkes wird nicht nur nicht umgesetzt, er wird nicht einmal erhört. Diktaturen teilt man in zwei Kategorien ein. Die einen Diktaturen bemänteln sich mit aufwendigen Abstimmungsprozeduren und sedieren das Volk mit schönen Worten („Betroffene zu Beteiligten machen“). Trotzdem wird nach langem Palaver, Demonstrationen und Gegendemonstrationen (gerne gleichzeitig), Debatten und TV-Talks doch immer dasjenige politische Vorhaben durchgesetzt, das ganz zu Anfang im Hinterzimmer projektiert wurde -- und schließlich willkürlich als „Mehrheitswille“ dargestellt. Dieses Verfahren ist natürlich teuer. Die andere Sorte Diktatur setzt solches Vorhaben nackt und brutal durch, ohne lange zu fackeln, wobei die erstgenannte, die bemäntelte Diktatur das bedarfsweise auch kann. Wem das einmal klar geworden ist, der ist immer in Opposition, weiß aber, daß er nichts gegen diese Verhältnisse ausrichten kann. Er kann seine Hilflosigkeit nur irgendwie abreagieren. Mit Karikaturen zum Beispiel. Zur Illustration der Diktaturen-These (nein, sie ist weder „krude“ noch „steil“, sondern bildet die Wahrheit ab) eine kleine, frei erfundene Geschichte: Gewisse Parlamentarier stimmten vor nicht allzu langer Zeit, vorgeblich im Namen des deutschen „Souveräns“, einem gewissen europäischen Vertrag zu, der nach einer südeuropäischen Hauptstadt benannt worden war. Das war ein Papierkonvolut von über 1.000 Seiten, stellte demokratische Prinzipien und Bürgerrechte schmerzhaft auf den Kopf und wurde den Abgeordneten dieses gewissen Parlaments nach vielen Änderungen in der endgültigen Fassung erst zwei, drei Tage vor der Abstimmung auf den Tisch gelegt. Keiner oder fast keiner dieser Individuen hat jene gut 1.000 Seiten vor der Abstimmung gelesen oder wegen der Kürze der Frist überhaupt lesen und verstehen können. Und der Text war wirklich sehr schwer lesbar, für jeden europarechtlichen Laien reines Kauderwelsch. Aber darauf kam es auch gar nicht an, und alle Verantwortlichen in Regierung und Parlament verhielten sich demgemäß. Die überwältigende Mehrzahl der Abgeordneten ist der „Empfehlung“ ihrer Fraktionsführungen gefolgt und hat dackelbrav mit Ja gestimmt; ihr Gewissen gegenüber dem Recht und der Freiheit des deutschen Volkes schwieg dröhnend – aber es sprach zu ihnen wortreich und überzeugend von ihren Listenplätzen, ihren Wahlkreiskandidaturen, ihren politischen Karrieren und mühsam erarbeiteten Privilegien. Denn die hätten sie wohl gefährdet, wenn sie mit Nein gestimmt hätten. Nun war die Mehrheit der Deutschen gegen diesen Vertrag. Ebenso wie sie gegen die Einführung des Euro, die EU-Erweiterungen, die EU-Garantien für Pleitestaaten und vieles andere mehr war. Aber es herrschte „Demokratie“, in der die Wähler vor ihrer Blindheit für das Gute geschützt werden mußten und die daher bei solch wichtigen Entscheidungen nicht mitbestimmen durften, zumal es um die begehrten Arbeitsfrüchte und die ärgerlichen, viel zu üppigen Grundrechte dieser Wähler ging. Zwei, drei europäische Völker durften zwar abstimmen. Sie stimmten mit Nein. Aber das zählte nicht. Die Abstimmung wurde so oft wiederholt, bis das von der Diktatur gewollte Resultat vorlag. Das Gute, der richtige Weg, die Vernunft habe gesiegt, hieß es hinterher. Wer's glaubt, wird selig, ist aber mit Sicherheit kein Demokrat.
Wirklich beunruhigend ist der ausufernde Gebrauch des Konsensbegriffs, der Arm in Arm mit seiner häßlichen Schwester, der Alternativlosigkeit, daherkommt. Beide stehen für organisierte Verantwortungslosigkeit. Die politische Kultur läßt die Bereitschaft zum echten Konflikt vermissen. Was wir in der Scheindebattenkultur heute erleben, sind Theateraufführungen, in denen sich kein Redner traut, die roten Linien seiner Gruppe, die ihn nährt und kleidet, wirklich zu überschreiten. Rote Linien, die auf der politischen Bühne schon sehr lange ein unsichtbares, enges Karo bilden. Nichts fürchtet ein Politiker so sehr wie den Ausschluß aus seiner Gruppe. Was wir nicht erleben, ist die freie Artikulation echter, eigener Standpunkte und das Ausfechten in freier Debatte. Diese zu ermöglichen ist ein moralisch-ethischer Zwang. Die Atomausstiegsdebatte im Bundestag von Anfang Juni 2011 war demgegenüber die kollektive Akklamation durch eine Staats-Einheitspartei, war ein Armutszeugnis für das geltende Staatskonzept und ein Symptom zugleich.

Könnten Sie durch Fingerschnippen ein Ereignis in jüngster Bundeswehrgeschichte –also den letzten 20 Jahren - ungeschehen machen, welches wäre das und wieso?

Alle Auslandseinsätze sofort beenden und das Einsatzgebiet der Bundeswehr auf deutsches Territorium begrenzen, wie es das Grundgesetz vorsieht, ohne Polizeiaufgaben. Warum sollen Bundeswehrsoldaten bei etwas stabilisieren helfen, wenn für Soldaten und Steuerzahler nicht im mindesten ausgeschlossen werden kann, daß gewisse, auch verbündete, Mächte zuvor planvoll destabilisiert haben? Wer handelt in Afghanistan eigentlich alles mit Drogen und warum? Wer organisierte und bezahlte womöglich die Aufstände in Iran, Ägypten, Libyen und anderen Ländern? Die regierungsamtlich zur Geschichtswahrheit geadelte Verschwörungstheorie, ein „Terrorchef“ namens bin Laden habe eine Gruppe fliegerisch total unerfahrener junger Araber darauf eingeschworen, am 11.09.2001 vollbesetzte Linienmaschinen zu entführen und damit sagenhafte fliegerische Präzisionsleistungen in völlig unbekanntem Terrain auszuführen, die selbst Profipiloten nicht geschafft hätten (es sei denn, sie hätten Funkleitsysteme an den Anschlagszielen und jede Menge Beruhigungsmittel zur Verfügung gehabt), ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch und deshalb zu verwerfen. Alle Einsatzbegründungen, die für die „Verbündeten“ der USA daraus abgeleitet wurden, sind in der Konsequenz auch falsch. Die Freundschafts- und Partnerschaftsfloskeln – geschenkt. Kein Kanzler konnte es sich leisten, zu oft und zu deutlich nein zu sagen, wenn Uncle Sam deutsche Rüstungs- und Militärbeiträge anforderte. Das mußten deutsche Bundeskanzler wiederholt in eigener Sache erfahren, als ihre Amtszeiten überraschend vorfristig endeten. Manche AmtsinhaberInnen waren indes deutlich konzilianter gegenüber den US-Wünschen. Zur Belohnung für ihre Folgsamkeit bekamen sie in ihrer Amtszeit einen symbolbeladenen fünfzackigen US-PräsidentInnenorden, der die Militär-Entsendebereitschaft der BundesregierungInnen beträchtlich stimuliert haben soll.

Was haben Sie sich bei diesen Karikaturen gedacht? Wann und im Zusammenhang mit welchen politischen Ereignissen sind die Karikaturen entstanden?


Das Bild wurde durch folgende Nachrichtenlage inspiriert, die ich hier ohne Gewähr wiedergebe: Im Mai 2009 gab ein Feldjäger-Feldwebel der Bundeswehr an einem Straßen-Kontrollposten in Kundus, Afghanistan, zunächst Warnschüsse auf zwei Autos ab, die sich in geringem Abstand schnell näherten. Auf optische Signale hatten sie nicht reagiert. Als diese nicht anhielten, der Feldwebel gleichzeitig einen am Boden liegenden Kameraden sah und Schüsse hörte, glaubte er irrtümlich an einen Angriff, schoß in vermeintlicher Notwehr gezielt und tötete auf diese Weise drei afghanische Zivilisten und verletzte vier weitere. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Deutschland eröffnete ein Verfahren wegen Verdachts auf Totschlag. Die Bundeswehrführung erklärte, der Feldwebel habe die Anwaltskosten des Verfahrens selbst zu tragen. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Robbe, schrieb daraufhin in einem Gastbeitrag für eine Sonntagszeitung, die Soldaten könnten und wollten nicht hinnehmen, daß ihr Dienstherr sie im Regen stehen lasse. Robbe forderte die besondere Berücksichtigung der Umstände eines Kampfeinsatzes. – Mit dem Bild unterstreiche ich meine Einschätzung, daß mit den Bundeswehrsoldaten durch den Dienstherrn ein übles Spiel getrieben wird. Lange Zeit sind weder die Waffeneinsatz-Regeln klar (Mülltrennungsregeln hingegen schon) noch räumen die Regeln den Soldaten solche Handlungsmöglichkeiten ein, die der Einsatzsituation angemessen sind. Patrouillenfahrten werden ohne Lafettenwaffe befohlen, um nicht zu provozieren. So eiert die Politik jahrelang um die Begriffe „humanitärer Hilfseinsatz“ und „Opfer“ herum, wo sie klar „Krieg“ und „Gefallene“ sagen sollte. Aber in diesem Punkt hat sich seit 2009 einiges getan. Inzwischen spricht Berlin offen von Krieg. Daran ist die zahlungspflichtige Öffentlichkeit scheibchenweise gewöhnt worden. Für welches Ziel genau, und welches exakt die Abbruchkriterien für den Einsatz sind, darüber hüllt man sich im Ministerium wie bei allen anderen Auslandseinsätzen zuvor in Schweigen, mutmaßlich wissend, daß das letzte Wort zum Bundeswehreinsatz ohnedies in Washington fällt. Der Steuerzahler zahlt, den Afghanen und den Soldaten dort fliegen die Splitter um und in die Ohren, das Blut fließt und in gewissen Hinterzimmern der Weltkugel reibt man sich frohlockend die Hände.

Das Bild wurde durch folgende Nachrichtenlage inspiriert, die ich hier ohne Gewähr wiedergebe: Im Herbst 2008 kam es vor der afrikanischen Küste wiederholt zu Kaperungen von Handelsschiffen durch somalische Piraten, die anschließend Lösegeld forderten. Die Bundeswehr entsandte die Fregatte „Karlsruhe (F212)“ in die Operation „Atalanta“. Parlamentarischen Streit gab es in Berlin zur Frage, welche Befugnisse die Marine habe. Die einen sagten, nach ihrem Rechtsverständnis dürften Soldaten Kriminelle nur verjagen, aber nicht festnehmen. Festnehmen dürften nur Polizisten. Der Einsatz am Horn von Afrika dürfe keine Löcher für den Bundeswehreinsatz im Innern schlagen, sagte ein SPD-Fraktionsvizevorsitzender. Die anderen, etwa ein Innenexperte, wurden mit den Worten zitiert, man blamiere sich hier ziemlich. Die Bundesmarine hätte längst eingreifen können. Aus den Reihen der FDP-Fraktionsvizes verlautete zu der Diskussion, sie sei peinlich im Quadrat. Die Marine sei rechtlich bereits voll handlungsfähig. – Die Karikatur war ähnlich wie die eben bereits kommentierte von der Ansicht inspiriert, daß deutsche Schiffskommandanten weniger Sorge vor gegnerischer Waffengewalt haben müssen als vielmehr vor heimischen Staatsanwälten und ihren Rechtsansichten von Ausgewogenheit und Verhältnismäßigkeit. Zwei treffende Zitate, aus Leserbriefen deutscher Zeitungen von damals (leider nur als Textfragment vorhanden, Quelle nicht mehr verifizierbar): Das Täterschutzprogramm von spitzfindigen Juristen ist heute integraler Bestandteil der Order eines jeden Marinekommandanten. In Wahrheit bedeutet das, daß aufwendige schwimmende Waffensysteme auf den Weltmeeren spazierengefahren werden, um die Befehlshaber in die Lage zu versetzen, mit Piraten zu diskutieren und ihnen gut zuzureden. Wenn das nicht hilft, sind den Herrschaften alle Schiffe zu überlassen. Allerdings nur unter der Bedingung eines freien Abzugs der Marineverbände und der schriftlichen Bestätigung, keinen Piraten verletzt, oder gar getötet zu haben.“ Und: „Erst braucht man ein UNO-Mandat, also den Segen der Organisation, die zu 80 Prozent aus denselben Verbrechern besteht wie der failed state Somalia. Hat man das Plazet, sendet man ein paar Bundeswehr-Schifflein ans Horn von Afrika mit Psychologen, Pastoren, Rotkreuzschwestern, Einwanderungsbeamten, Entwicklungshelfern, Asylrechtsexperten und Stempeln und leeren Pässen. Dazu ein paar Polizisten, denn die Bundeswehr darf einen schwerbewaffneten Piraten nicht verhaften. Dieses Schauspiel ist so erbärmlich, daß man sich übergeben muß. Warum wird von der Marine nicht alles gezielt beschossen und mit Mann und Maus versenkt, was dort vor den Küsten an Schlauchbooten (...) herumschwimmt. Das spricht sich herum! Aber der Westen ist nur noch eine lebende Leiche. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst ein Bundeswehrschiff dort unten gekapert wird, weil die Matrosen sich lieber selber erschiessen lassen, als Verbrecher zu erschiessen.”

Ende Text Interview.